Es gibt so Kunden… #1

Nennen wir ihn… Herr Günter. Wohlwissend, dass er natürlich nicht Herr Günter heißt – auch nicht vornamentlich.

Herr Günter ist „Stammkunde“. D.h. er kommt regelmäßig vorbei. Herr Günter liest Unmengen. Wann er dies tut, ist mir ein Rätsel… denn meist hat er für so 500 Seiten-Schinken nur wenig Zeit, weil es noch nicht so lange her ist, dass sie erschienen sind, und meist ist es nicht nur einer. Sein Timing ist in jedem Fall… perfekt. Denn er taucht in der Regel meist dann auf, wenn gerade Erscheinungsflaute ist und man gerade nichts Neues ausgepackt hat. Dabei liest er alles… nur kein Fantasy und bloß nicht im Taschenbuchformat. – Gott Günter bewahre. – Er liest alles… nur meist das dann nicht, was man ihm empfiehlt. (Dabei kommt es, nach mittlerweile eifrigen Beobachtungen auch vor, dass er jenes, was er mit so abschätzigen Blicken ablehnte, bei einem der nächsten Besuche plötzlich mit starkem Interesse doch auf seinen Einkaufsstapel legt… Das macht’s nicht einfacher.) Also… wenn er denn dann vorbeischaut… dann also meist in jenen Ebbemomenten, wo entweder schon alles abgegrast oder noch nichts gescheites erschienen ist. Er betritt also den Laden, steuert zielgerichtet auf einen zu und fragt die Frage, die Panik und Verzweiflung hervorruft, weil man sich 10 Minuten vorher noch hoffend zugeflüstert hat, dass jetzt bald so viele tolle neue Sachen kommen, die man Herrn Günter empfehlen könnte, wenn er denn bloß nicht schon diese Woche auftaucht. Der merkt das. Der weiß ganz genau, wann was erscheint. Könnte man den Eindruck gewinnen. Denn da steht er nun. Man zieht durch die Regale… zeigt auf dieses und auf jenes. Hört das obligatorische „Hab ich schon gelesen.“ „Hab ich schon daheim.“ „Ach das war nicht so gut.“ (Natürlich hat er keinen der gezeigten Titel bei uns erstanden… Das macht’s nicht einfacher.) Der Gedanke, dass ihm so etwas Spaß macht, schleicht sich nun bedingt ein. Dann… kommen wir plötzlich doch an Bücher, die er offensichtlich noch nicht kennt. Der Stapel wächst. Die innere Panik flaut etwas ab. Das Gefühl den komplett falschen Beruf gewählt zu haben, lässt ein wenig nach. Der Gang zur Kasse steht an… und oh Wunder… Herr Günter hat heute seinen Geldbeutel nicht dabei. Huch. Klar könne man die Bücher zurücklegen, damit er sie am nächsten Tag abholen kann. Klar, dass Herr Günter diese Bücher am nächsten Tag nicht abholen wird. Und auch nicht eine Woche später. Und auch nicht zwei Wochen später. Aber die Hoffnung bleibt. Also bleiben sie zurückgelegt und jedes Mal, wenn man während dieser zwei Wochen über sie stolpert, ist dieser Mann präsent und die Panik, die Verzweiflung und das Gefühl den komplett falschen Beruf gewählt zu haben, flammen immer wieder auf. Irgendwann sind die Bücher wieder verräumt. Die Zeit verstreicht. Es kommt die Zeit in der all die tollen neuen Bücher erscheinen… Wer allerdings nicht erscheint, ist Herr Günter.

Diese Woche habe ich ihn durch den Laden schleichen sehen. Leider war so viel los, dass ich nicht von der Kasse los kam. In einem geheimen Geheimfach liegt eine Liste… mit all den Büchern, die gerade neu erschienen sind. Alle noch nicht lange da. Alle hätten so perfekt gepasst. Da schlich er also. Und wie faszinierend… er tat dies so bedeutungslos und so ohne jegliche Präsenz, die er sonst in jenen oben beschriebenen Momenten an den Tag legt. Was für ein Arsch. Ich weiß nicht, ob er zwischendurch zur Kasse schaute… aber ich erwischte ihn zweimal, wie er verstohlen, doch noch mal zurückschlich und doch noch mal einen Blick auf einen der Titel warf (der natürlich auf jener Liste stand, die da schlummert, um nicht mehr voller Panik diesem Menschen gegenüber zu treten). Als ich endlich wieder Luft hatte und auf ihn zugehen wollte… war er weg.

Und so wird sich wohl der Kreis schließen. Er wird in der nächsten Woche wieder auftauchen… und alle Bücher, die da auf der Liste stehen, schon kennen und gelesen haben…

Ich täte Herrn Günter (und der verzwickten Lage) aber Unrecht, wenn ich hier nicht noch schreibe, dass er ab und an auch mal einen Stapel Bücher mit aus dem Laden nimmt… Das macht’s nicht einfacher. Denn an diesen Tagen ist es so einfach… da packt er ohne das obligatorische „Hab ich schon gelesen.“ „Hab ich schon daheim.“ „Ach das war nicht so gut.“ ein Buch nach dem anderen auf seinen Stapel …da hat er plötzlich nicht seinen Geldbeutel vergessen …da verlässt er den Laden mit einem Strahlen, bei dem ich mich dann immer wieder ertappe mich zu fragen, ob es wirklich den ganzen Stress wert ist, den er sonst verursacht. Für ein Ja oder Nein, habe ich mich nach wie vor noch nicht entscheiden können. Eins ist aber sicher. Herr Günter wird wieder auftauchen… und der Kick, ob es nun ein Panik- oder Strahlebesuch wird, der wird bleiben…

[Die Tatsache, dass ich nachts aus dem Schlaf aufschrecke und in Gedanken noch nicht auf die Liste gepackte Bücher auf die Liste packe, sollte mir Sorgen bereiten, oder?]

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4 Antworten zu “Es gibt so Kunden… #1

  1. Katja 07/09/2011 um 08:21

    Oh wie nervig! Dass der dich nachts hochschrecken lässt, isser nicht wert. Letztendlich hängt es ja scheinbar überhaupt nicht von dir ab, was für eine Art von Einkauf er durchführt, sondern nur von ihm.

    Gäbe es da nicht die ‚guten‘ Tage dazwischen, hätte ich ja gedacht, der kommt bestimmt von der Konkurrenz und macht sich ’nen Spaß draus, dich und deine Kollegen zu ärgern.
    Aber mit den guten Tagen zusammen, hatte ich irgendwie jemanden vor Augen, der versuchen will, sich an doofen Tagen durch den Kauf eines Stapels neuer Bücher zu trösten und der dann – bildlich gesprochen – vorm vollen Kühlschrank verhungert, weil diese innere Nöligkeit viel zu tief sitzt.
    (Ich spreche aus Erfahrung. Bücher kaufen habe ich immer als tröstlich empfunden und konnte schon als Kind nicht mit leeren Händen aus einer Buchhandlung raus. Bis auf einige Male, an echt miesen Tagen, wo mich absolut nichts angesprungen hat, was aber null mit den Büchern oder Buchhändlern zu tun hatte, sondern nur mit mir.)

    Vielleicht ist er aber auch einfach ein Arsch, der gerne freundliche junge Buchhändlerinnen quält. Dann möge er aber demnächst mal über einen seiner Bücherstapel stolpern!

    Aber echt völlig egal, woran das bei ihm liegt – ganz sicher liegt’s nicht an dir! (Und wenn du das so ohne Beweis nicht glauben magst, fällt mir da spontan ’ne Mail ein, in der ich dir vor einiger Zeit das quasi glücklichste Buchhändchen von allen bescheinigt habe. :))

  2. Corina 08/09/2011 um 07:44

    Stimmt… dass ich hochschrecke, isser wirklich nicht wert. Sagen wir das mal meinem Kopf… 🙂

    Das generell anstrengende ist diese Willkür, die er an den Tag legt. Man weiß i.d.R. vorher nicht, woran man ist. Das zusammen mit der offensichtlichen Tatsache des „Fremdkaufens“, was dann so manche Gespräche in widerliche Länge ziehen lässt, weil er einen ja auch immer erst mal noch was zum Buch sagen lässt, bevor er den Besitz dessen offenbart, lassen die Schattensprünge an manchen Tagen in schmerzliche Größe anwachsen.

    Ob das nun mit guten und miesen Tagen zusammenhängt – mag sein und eröffnet noch mal einen neuen Blick, der vielleicht in Zukunft mehr Nachsicht mit dem guten Herrn Günter haben lässt.
    (Ich möchte aber hier behaupten, dass DU sowohl an deinen guten als auch an den miesen sicher keinen Buchhändler in schiere Verzweiflung zu stürzen vermagst! Sollten da also Gedanken aufgekommen sein, die dir einflüstern, du wärst ein Herr Günter, dann schick die mal gleich wieder wech! 🙂 )

    (*knicks mach* für das liebe Kompliment… die Betonung liegt da aber bitte auf dem Glück 🙂 Dat hätt ja auch schiefgehen können ^^ Mal abgesehen davon, dass es bei dir echt nich schwer ist!)

  3. Katja 08/09/2011 um 08:55

    Katja an Corinas Kopf: Nicht hochschrecken, das isser nicht wert! Tief in dir drin weisst du, dass es an ihm liegt und nicht an dir! 🙂

    Vermutlich eine doofe Frage, aber hast mal bewusst drauf geachtet, wie du formulierst? Also, wenn du ihm ein neues Buch unter die Nase hältst, leitest du das eher mit einem ‚ich hab hier….‘ oder mit einem ‚Herr Günter, kennen/haben Sie … schon?‘ ein? Lässt er dich bei zweiterem auch bewusst auflaufen?

    (Und nej, keine Bange, ich hab das überhaupt nicht auf mich bezogen. Ich bin an solchen Tagen wortlos und lasse mich nicht beraten.)

  4. Corina 08/09/2011 um 22:18

    Hm… Werd ich mal drauf achten bei seinem nächsten Besuch.

    (Das is für mich auch eine nachvollziehbarere Sache… die mit dem nicht beraten lassen, wenn es nich so jut jeht…)

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